Sie muten wie extraterrestrische, teure Dessous an.
Statt hautschmeichelnder Seide umgibt den Körper
und schmückt den Kopf ihrer Trägerin ein filigranes Geflecht
aus kleinen Kunststoffbausteinen, die dem simplen Kinderspielzeug "Knüpferli"
entstammen. Dieses Steck-
spiel für Kinder zwischen drei u. sechs Jahren
wirkt in seiner Einfachheit und seinem naiven Charme merkwürdig fremd
und anachronistisch in der heutigen Zeit. Es ist eines der Spielzeuge,
das die Jahre überdauert hat und der kindlichen Kreativität,
Fingerfertigkeit und Phantasie freien Lauf läßt.
Genau das mag bei Böger den Reiz aus-
gemacht haben, sich
dieses Materials für eine Werkserie zu bedienen.
Das immer gleiche, rechteckige Grundelement mit kreisrundem Zentrum,
ähnlich einer Zelle oder einer Molekülstruktur kann in vielfältiger
Weise verbogen, ineinander ver-
schlungen u. an den Ecken miteinander
verknüpft werden. Böger geht von den vorgegeben Formen der Bauteilchen aus,
läßt sich von ihnen führen, verführen, überwindet ihre Grenzen durch
phantasiereiche Neukombination und viel Geschichlichkeit.
Bei ihren Tieren bildet sich erst im Laufe des schöpferischen Prozesses der Inhalt aus,
vage Vorstellungen nehmen Kontur an, das
Gebilde erhält langsam konkrete Gestalt.
In der kugeligen Form nutzt Böger die uniforme Zellenstruktur des Knüpferli–Spiels,
um ein Gebilde perfekt harmonischer Symmetrie, gleich dem Skelett eines Seeigels,
hervorzubringen.
Dem Badeanzug und der Kappe ging hingegen die Idee eines weiblichen Torso voran,
den Ausgang bildete eine schön geschwungene weibliche Rundung, die Taille.
Die entstandene Form wirkt seltsam technoid, da sie an computeranimierte Geschöpfe
erinnert, die über die räumlichen Koordinaten definiert und erst zum Leben erweckt
werden müssen.
Die Installation Badekollektion Böger wird passenderweise in einer Umkleidekabine präsentiert:
Verschiedene Badetrikots, ergänzt durch extravagante Accessoires wie eine Haube,
hat die Künstlerin kreiert. Die Kappe scheint vom filigranen Perlenkopfputz,
wie ihn die modebewußte Dame der 20er Jahre schätzte, inspiriert. Begibt sich nun
die potenzielle Trägerin dieser Modelle zum Umkleiden in die Kabine, schwebt ihr
eine gewaltige Knüpferli&qout;Fliege entgegen.
Der begrenzten Formenvorgabe der Steckteile setzt die Künstlerin
ihren Ein-
fallsreichtum und Witz entgegen, um immer wieder neue
Vielfalt aus dem Einerlei hervorzubringen. Sie nimmt die fast langweilig
scheinende Uniformität zum Anlaß, die möglichen Grenzen der Formenvorgabe
akribisch, systematisch auszuloten und sich mit deren Überschreitung zu befassen.
So hat Böger aus diesem Element allein 220 verschiedene Knoten–Varianten
entwickelt. Es entstehen auf diesem Wege transparente, starr u. sehr fragil anmutende
und somit zweckfreie Kleidungsstücke für ein imaginäres Wesen, deren menschliche
Volumina ungeheuren Assoziationsspielraum bieten.
Ein einzelnes Gewand nimmt in diesem Zusammenspiel eine Sonderstellung ein.
Angesichts der Badetrikots liegt es nahe, in ihm einen Bademantel zu vermuten.
Wie bei jenen anderen Utensilien, die in einer Installation in einem Schwimmbad
präsen- tiert wurden, bezieht sich Böger auch hier inhaltlich auf den Ort.
Weiterführend sind hier ernsthaftere Konnotationen zulässig:
Sei es nun einerseits durch seine exponierte Stellung
oder die Starrheit des Materials und dessen Farbgebung, daß es an den
Mantel der Himmelskönigin oder allgemeiner an Priestergewänder erinnert.
Ein simples Kinderspielzeug wird zu einem komplexen Gewebe
und zu vielfältigen Bedeutungsebenen verflochten. Scheinbar Altbekanntes verunsichert
auf den zweiten Blick und gibt, nicht ohne Witz und Charme, Rätsel auf und genau
darin liegt der Reiz dieser Arbeiten.
Text: Kathrin Golka, 2005, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kunstsammlungen Böttcherstraße, Bremen